Was, wenn es nicht (nur) an Mathe, Deutsch oder Englisch liegt …?

Im Oktober fand am Gymnasium Martinum der Thementag „Individuelle Förderung“ der Zukunftsschulen NRW statt.

In der Aula das Martinums ist es unruhig. Hier reden alte Weggefährt*innen miteinander, dort lernt man sich bei einem Kaffee erst kennen. Weiter vorne, da, wo gleich die „Musik“ spielen soll, kümmert man sich hektisch um die letzten technischen Details, das Apple-TV funktioniert nicht und in ein paar Minuten beginnt der Thementag „Individuelle Förderung“. Herr Bitz, der eilig  aus seinem Unterricht geholt wird, löst das Problem in wenigen Sekunden und es kann endlich losgehen.

Aber, worum geht beim Thema „Individuelle Förderung“ eigentlich genau? Steffi Beike, die Verantwortliche am Martinum für diesen Bereich, beschreibt die Idee dahinter so: „Es geht darum, Schüler*innen in verschiedenen Bereichen zu unterstützen, wenn sie Unterstützung benötigen. Dazu gehört u.a. auch die klassische „Nachhilfe“, die das Martinum u.a. in Form der so genannten „Digitalen Schülerhilfe“ anbietet.

Heute und hier geht es aber nicht darum, dass Schüler*innen in Deutsch, Mathe oder Englisch geholfen wird, sondern es geht um Unterstützung „in Sachen Lernen.“

Und diese Lern-Unterstützung wird als „Lerncoaching“ bezeichnet.

Thementag

Steffi Beike erklärt die Umsetzung des Lerncoachingkonzepts am Martinum

Nachdem die Technik endlich steht, spricht Hanna Hardeland, eine der Pionier*innen des Lerncoaching-Konzepts. Schon vor Beginn der Veranstaltung waren alle Anwesenden ganz aufgeregt und blickten erwartungsvoll auf ihr Kommen. Kein Wunder: Frau Hardeland ist eine absolute Expertin auf ihrem Gebiet!

Beim Lerncoaching gehe es v.a. darum, zu schauen, welches (Lern-)Problem der Klient selbst bei sich sehe und was er wiederum selbst und freiwillig bereit sei, zu tun, um es anzugehen.

Diese „Probleme“ können dabei in ganz unterschiedlichen Bereichen zu finden sein: Motivation, Organisation, Konzentration, Stress oder Prüfungsangst, sonstige Mitarbeit im Unterricht sind nur einige der möglichen „Lern“-Felder.

„Und, entscheidend ist, dass der Coach und der sogenannte Coachee (der zu beratende Schüler), gemeinsam nach Lösungen suchen, nicht nach ,Problemen´“, beschreibt Frau Hardeland.

Diese Lösungen müssten unbedingt vom Klienten selbst kommen, er sei es schließlich auch, der sie umsetzen müsse. „Und da bringt es eben nichts, die eigenen Ziele auf den Klienten zu übertragen oder sie mit den eigenen Maßstäben zu bewerten“, erklärt die Expertin ein wesentliches Prinzip des Coachingsprozesses. Diesem Verständnis folgend ist der Coach ein Detektiv, ein Impulsgeber, damit der Klient die eigenen Lernherausforderungen erkennt und sie schließlich im eigenen Tempo und Rhythmus löst.

Thementag

Hanna Hardeland erläutert das Lerncooachingkonzept

Das Publikum ist beeindruckt von den Ausführungen der Expertin. Hier und da macht sich aber auch Erstaunen breit über die „Radikalität“ des Sich-Zurücknehmens, das der Coach im Coaching-Prozess offenbar an den Tag legen muss. „Das ist man in der Lehrerrolle so nicht gewöhnt“, hört man es leise aus dem Auditorium tuscheln. Dort gebe man eben hauptsächlich Inhalte und Methoden vor und jetzt also keine Vorgaben mehr, sondern v.a. Detektivarbeit ...?

Aber genau darum gehe es und dies, so Hardeland, sei ja auch das Schöne, dass man eben nicht vorgebe, „sondern begleitet, unterstützt“. Das stelle auch sie immer wieder vor Herausforderungen. „Einmal“, so berichtet sie, „hat eine Studentin, die ich gecoacht habe, z.B. vorgeschlagen, dass sie täglich eine Stunde zum Lernen für das Studium veranschlage. Das hat mich doch sehr überrascht und stimmte so gar nicht mit meinen Vorstellungen von der zu investierenden Zeit überein!“ Diese eigenen Maßstäbe jedoch immer wieder als eben die eigenen zu erkennen und sie dem Klienten gerade nicht überzustülpen, sei die wesentliche Aufgabe des Coaches.

Bei ihrem Vortrag zeigt sich Frau Hardeland übrigens nicht nur in Sachen Coaching als Expertin. Als die Technik - wir erinnern uns - auch bei ihr streikt, zeigt sie einen Film über ein Coaching, den sie eigentlich an die Projektionsfläche werfen wollte, kurzerhand auf ihrem Tablet und bittet dazu das Auditorium näherzutreten - ein sehr flexibler Umgang mit dem eigenen „Ziel“ ganz im Sinne der selbst genannten Coachinprinzipien, der zudem für Bewegung und soziale Nähe sorgt - natürlich unter Wahrung der allgemeinen Abstandsregelungen!

Nach diesen eindrücklichen Schilderungen Frau Hardelands ist das Martinum an der Reihe. Steffi Beike, die das Lerncoaching gemeinsam mit Gunhild Ortmeier, der Schulpsychologin, vor mehr als 10 Jahren ans Martinum gebracht hat, beginnt mit dem Vortrag. „Die Struktur hier ist über die Jahre gewachsen“, berichtet sie. „Wir bieten das Lerncoaching im zweiten Halbjahr für diejenigen an, die schwache Noten in den Hauptfächern haben, im ersten Halbjahr v.a. für die Wiederholer*innen und Schüler*innen der neuen EF, denen unserer Meinung nach eine Unterstützung gut tun würde.“ Diese Struktur nimmt also besonders diejenigen Schüler*innen in den Blick, die eher leistungsschwach sind.

„Jedoch“, so berichten Ann-Kristin Küpper und Josef Beiske, „bieten wir auch so genannte thematische Lerncoachings an. Diese richten sich an Schüler*innen mit ganz speziellen Lernproblemen wie z.B. in Bereichen wie der sonstigen Mitarbeit oder dann, wenn Schüler*innen Stress oder Prüfungsangst haben. Das Coaching zur Sonstigen Mitarbeit nennen wir „Mündlich mutig“ und hoffen damit direkt im Namen die Ressourcen der Schüler*innen und nicht die vermeintlichen „Probleme“ anzusprechen!“

Die Grundstruktur der Coachings beschreiben Gunhild Ortmeier und Thomas Naujoks so: „Wir lassen die Schüler*innen immer zunächst ankommen, z.B. mithilfe von Gefühlsbildern oder anderen geeigneten Mitteln, die in die Coachingssituation führen.“ Anschließend komme die individuelle Zielformulierung. „Diese wird stets nach den so genannten SMART-Kriterien vorgenommen. Hierbei geht es i.W. darum, die Ziele ganz individuell und konkret zu formulieren. Dies ist häufig begleitet von so genannten „Inputs“, in denen die Schüler*innen Inhalte oder Strukturen, die zum aktuellen Ziel passen, vermittelt bekommen, wie z.B. der Plan zur 5-Tage-Vorbereitung von Klassenarbeiten. Schließlich werden die meisten Coachings mit einer persönlichen Einschätzung der eigenen Ziele oder einem anderen geeigneten Ausstieg beendet. Grundsätzlich wiederholt sich dieser Ablauf bei allen Coachings; einziger Unterschied: Ab Sitzung zwei werden die „alten“ Ziele zusätzlich bilanziert, also geschaut, ob und inwiefern die individuellen Vorhaben gelungen sind. Hieraus ergeben sich dann häufig Gesprächsanlässe für neue Ziele“, berichten die Experten.

Dass sich diese Coaching-Strukturen am Martinum so gut etabliert haben, ist auch ein Verdienst von Ria Kurscheidt. Das gesamte Coachingteam wurde bei ihr ausgebildet. Frau Kurscheidt, selbst ehemalige Lehrerin und praktizierender Lerncoach, veranstaltet seit vielen Jahren regelmäßige Fortbildungen, in denen sie Lehrer*innen mit großer Fach- und Methodenkompetenz alles Wichtige in Sachen Lerncoaching beibringt. Dabei sollen und dürfen die Forbildungsteilnehmer*innen all das, was sie später mit ihren Schüler*innen machen, selbst erfahren und anwenden.

Thementag

Hanna Hardeland, Ria Kurscheidt und Steffi Beike

Eine Erweiterung des “klassischen” Lerncoachings und recht neu am Martinum ist das so genannte Schülercoaching. „Hierbei“, so Steffi Beike, „geht es weniger um das Lernverhalten als vielmehr um die Lernhaltung.“ Anhand eines detaillierten Diagnoseverfahrens wird dabei geschaut, in welchen Bereichen die Betreffenden ihre lernmotivatorischen „Baustellen“ haben und diese in mehreren folgenden Einzel-Coachingsitzungen mithilfe von so genannten „Mottozielen“ bearbeitet. Aktuell ist Frau Beike die einzige am Martinum, die die detaillierte einjährige Ausbildung zum Schülercoach absolviert hat. „Wir sind aber auf der Suche nach Kolleg*innen, die diese Fortbildung auch machen!“, berichtet die Leiterin der Coachinggruppe, „weil der Bedarf stetig zunimmt.“

Nach diesen Schilderungen - übrigens ohne weitere technische Störungen - sind die Zuhörer sehr beeindruckt und gehen gut informiert in die nächste Kaffeepause. Hier kommt es zu einem intensiven Austausch über die vielen neuen Impulse: Man fachsimpelt, fragt genau nach und netzwerkt, was das Zeug hält. Viele der Anwesenden sind ja auch selbst längst Coaches an ihren Schulen. „Dennoch ist es gut und sehr interessant, sich neue Impulse zu holen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen“, berichtet eine Teilnehmerin.

Nach der kurzen Stärkung wird es dann konkret: In vier Workshops zu den Aspekten „Lerncoaching“, „Mündlich mutig“, „Schülercoaching“ und einer Gruppe zum freien Austausch werden die Inhalte des Vortrags greifbar und es ist Raum zum vertieften Austausch.

Im Raum „Mündlich mutig“ z.B. wird das so genannte „Dreieck der mündlichen Mitarbeit“ vorgestellt. Hierbei geht es darum, dass bei der mündlichen Beteiligung eben nicht nur die „Performance“ im Unterricht zählt, sondern auch die richtige Vorbereitung und eine bewusste Einstimmung in die Unterrichtssituation entscheidend sind.

Im selben Raum stellt Ann-Kristin Küpper verschiedene Tiersymbole vor, die sich Schüler*innen individuell aussuchen und ihnen Eigenschaften beimessen können, die sie beim eigenen Ziel zur verbesserten mündlichen Mitarbeit unterstützen: Der Elefant kann dabei für Ausdauer und Stärke, das Erdmännchen für Zuverlässigkeit stehen usw. Jedes Tier hat also ein riesiges Potenzial, die Schüler*innen mit seinen Eigenschaften zu unterstützen.

Wiederum ganz wesentlich unterstützt werden die Workshops von Schüler*innen, die in der Vergangenheit bereits beim Lerncoaching teilgenommen haben. Im Workshop-Raum „Mündlich mutig“ ist dies die Neuntklässlerin Rosa. Sie berichtet davon, dass sie durch das Gruppencoaching zur mündlichen Mitarbeit viel selbstbewusster vor der Gruppe spreche und nun auch ihre eigentlich eher extrovertierte Art auch im Unterrichtsgespräch in der Klasse zeigen könne.

Nach diesem weiteren intensiven Austausch treffen sich alle Beteiligten zur Abschlussrunde in der Aula. Die meisten sind jetzt voller Tatendrang und sitzen hier mit vielen Ideen, die sie für die Coachingarbeit in der eigenen Schule nutzen können. Frau Beike bittet abschließend darum, „dass sich bitte niemand von all dem „erdrückt“ oder zu sehr aufgefordert fühlen soll!“ Lerncoaching sei ein Prozess, der wachsen und zum System und zu denjenigen passen müsse, die das Ganze an der Schule gestalten. „Hilfreich ist dabei aber sicher“, so Beike, „dass eine*r „den Hut“ aufhat.“ „Und unsere gemeinsamen Evaluationen beim alljährlichen Grillen sind ein weiterer Garant für das Gelingen!“, gibt Frau Beike den Anwesenden augenzwinkernd den letzten Tipp mit auf den Weg.

Und, da der Beamer mittlerweile „aus“ ist, gibt es auch keine weiteren technischen Kapriolen mehr - wer hätte das zu Beginn des Tages gedacht!

Thementag

Hanna Hardeland, Thomas Naujoks, Gunhild Ortmeier, Steffi Beike, Ann-Kristin Küpper